Schweizer Gemeinde
Februar 2018
Wo Pflegefachleute ihre Arbeit selbst organisieren
Buurtzorg, ein Modell aus Holland, versteht Pflege ganzheitlich und setzt auf Teams, die sich selbst organisieren. Es hält die Administration klein und verrechnet einheitliche Stundentarife. Es hat auch in der Schweiz Anhänger.
Pflege, die nach Leistungs- und festen Zeitbudgetprinzipien organisiert ist, als Folge des Schweizer Modells.
Diese Erfolgsgeschichte beginn mit Unzufriedenheit: Der holländische Pfleger Jos de Block ärgerte sich über strikte Ziel- und Zeitvorgaben, viel Bürokratie und eine zunehmende Zersplitterung der Pfl egetätigkeit. Er sah, wie deren Qualität litt, wie sein Beruf entwertet wurde und immer mehr Kolleginnen und Kollegen ausstiegen. 2006 gründete er daher sein eigenes, kleines Spitex-Team, das er «Buurtzorg» (Nachbarschaftshilfe) nannte. Er erinnerte sich an die Gemeindepflegerinnen, die bis in die 80er-Jahre einen grossen Teil der ambulanten Ver sorgung geleistet hatten, und gab seinen Mitarbeitenden Autonomie, Entscheidungskompetenz und Verantwortung zurück .
Von A bis Z zuständig
Nach seinem Ansatz organisieren sich vier bis zwölf hoch qualifizierte Pflegefachleute weitgehend selbst. Sie klären den jeweiligen Pflegebedarf ab, planen ihre Einsätze, stellen neue Teammitglieder ein, bauen lokale Netzwerke auf, tauschen sich mit Ärzten sowie anderen Fachpersonen aus, entwickeln neue Projekte, verwalten ihre Finanzen und kümmern sich um ihre Weiterbildung. Sie betreuen ihre Kundschaft ganzheitlich: Sie verrichten sowohl einfache pflegerische als auch komplexere medizinische Tätigkeiten und berücksichtigen daneben persönliche sowie soziale Aspekte. Den Krankenkassen stellen sie nicht die einzelnen Leistungen, sondern den zeitlichen Aufwand in Rechnung. Sie verrechnen einen einheitlichen Stundentarif, der jährlich festgelegt wird.
Mit dem Tablet vernetzt und ohne mittleres Management organisiert
Jede Pflegekraft verfügt über ein Tablet und dokumentiert ihre Arbeit auf dem Buurtzorgweb, sodass alle stets auf dem aktuellen Stand sind. Das IT-System dient ebenso dem Austausch mit anderen Teams und mit dem Geschäftsführer. Kommt eine Gruppe in einem Punkt nicht weiter, kann sich sie zudem von einem Coach beraten und begleiten lassen. Bei der Non-Profit-Organisation verdienen die Pflegenden besser als bei herkömmlichen Spitex-Anbietern. Ganz eingespart werden kann die Lohnsumme des mittleren Managements, das im Modell keinen Platz mehr hat.
Forschungsauftrag an Curarete für den Aufbau einer IT-Plattform
Buurtzorg ist erfolgreich. In rund 900 Teams beschäftigt sie aktuell rund 10 000 Mitarbeitende, jährlich betreut sie rund 80000 Kundinnen und Kunden. Sie ist mehrfach als bester Arbeitgeber Hollands ausgezeichnet worden. Jos de Block berät inzwischen die Regierung und ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt. «Da in kleinenTeams gearbeitet wird, haben die Patienten immer dieselben Bezugspersonen; dies führt zu einer hohen Qualität der Pflege, und die Beschäftigten sind zufriedener», sagt Susi Wiederkehr, Vorstandsmitglied von Curarete. Die Non-Profit-Organisation hat de Blocks Grundsätze übernommen. Sie startete 2014 und ist heute in der Region Villmergen AG präsent. Aktuell beschäftigt sie sechs Pflegefachfrauen und betreut sechs Personen. Da sie keinen öffentlichen Auftrag hat, deckt sie die Finanzierungslücke, die durch die tiefen Krankenkassenbeiträge entsteht, mit Spenden. Bei öffentlichen Spitex-Organisationen übernimmt die jeweilige Gemeinde den ungedeckten Betrag. «Wir bemühen uns um Leistungsaufträge», sagt Wiederkehr. Bis jetzt ist allerdings noch keine Zusammenarbeit zustande gekommen. «Die Bereitschaft, sich für Neues zu öffnen, ist offenbar noch nicht da – wir sind wahrscheinlich etwas zu früh.» Susi Wiederkehr ist überzeugt, dass das Modell auch in der Schweiz funktioniert. Die Finanzierung des Gesundheitswesens sei zwar weniger hoch als in Holland, die schlanke Organisationsstruktur bringe jedoch Einsparungen mit sich. Eine wichtige Voraussetzung für die Organisationsstruktur ist die IT-Plattform. Um eine solche zu entwickeln, hat die Kommission für Technologie und Innovation (KTI) einen Forschungsauftrag an Curarete vergeben. Die Resultate sollen in etwa einem Jahr vorliegen.
Interesse bei Qualis Vita, aber noch kein Team
Auch die private Spitex-Organisation Qualis Vita liebäugelt mit dem Konzept. «Sich im Pflegeteam selbst zu organisieren und auf den Kern der Pflegetätigkeit zurückzubesinnen, überzeugt mich», sagte Gerda Saxer, Leiterin Pflege, kürzlich an einem Informationsanlass in Bern. Der Markt schreie geradezu nach dem Modell, meinte eine anwesende Spitex-Frau. Sie begegne täglich unzufriedenen Kundinnen und Kunden, die sich nach weniger Personalwechseln und besserer Qualität sehnten. Es gebe viele Argumente für Buurtzorg, bekräftigt Geschäftsführer Rene Stoll. Er warnt jedoch vor übertriebenen Erwartungen: Man werde nicht in einer Wohlfühloase arbeiten, gerade zu Beginn brauche es einen grossen Einsatz. Bis jetzt sind bei der Qualis Vita AG erst wenige Bewerbungen eingegangen. «Für Selbstständige besteht die Hürde im Freiheitsverlust, bei einem solchen Projekt mitzumachen», sagt Stoll. Angestellte von anderen Organisationen fürchteten sich teilweise vor zusätzlichen Aufgaben.
Aktuelle Studie zum Thema
«Von Buurtzorg geht eine unglaubliche Faszination aus», stellt Peter Zängl fest. Der Professor der Fachhochschule Nordwestschweiz hat untersucht, ob sich das Modell auf die hiesigen Verhältnisse übertragen liesse. Als Chancen beschreibt er, dass die Fragmentierung der Pflege aufgelöst wird, dass die Arbeitszufriedenheit steigt und Kosten gespart werden können. Er gibt allerdings zu bedenken, dass kein System für alle Menschen und Situationen geeignet sei. Es gebe immer Gewinner und Verlierer. Zu Letzteren zählt er das nicht so gut qualifizierte Pflegepersonal, das dann weniger gefragt sei. Buurtzorg baue auf Vertrauen auf, sagt der Sozialwissenschaftler weiter, und zwar sowohl unter den Mitarbeitenden als auch zwischen Leistungserbringer und Kostenträger . «Das lässt sich nicht verordnen, es muss sich entwickeln.» Hinzu kommt, dass der Pflegeberuf in Holland wesentlich mehr Ansehen geniesst als in der Schweiz. Das Verhältnis zur Ärzteschaft ist weniger hierarchiebestimmt. Die Leitgedanken von Buurtzorg zu übernehmen, würde einen umfassen den Kulturwandel bedeuten. Davor fürchten sich nicht wenige; gerade beim mittleren Kader ist die Skepsis gross. Zängl fände es dennoch reizvoll, das System in der Schweiz umzusetzen – «in einem grösseren Rahmen als die bisherigen Versuche». Dafür bräuchte es allerdings das Wohlwollen von einzelnen Krankenkassen, Kantonen und Spitex-Organisationen. «Man muss es ein fach einmal ausprobieren.»
Hoffen auf Pioniergemeinden
Susy Greuter vom Thinktank Denknetz hofft, dass sich einzelne Pioniergemeinden finden werden, die ein Buurtzorg-Experiment mit einem Leistungsauftrag an eine entsprechende Organisation wagen. Sie sieht im Modell zahlreiche Vorteile: «Das grosse Vertrauensverhältnis zwischen Spitex-Mitarbeiterin und betreuter Person weckt Selbstheilungskräfte», sagt sie. Das Ganzheitliche entspreche dem Berufsverständnis der meisten Pflegefachleute und sei immer noch das, was in der Schweiz gelehrt werde. In der Praxis werde hierzulande jedoch vor allem körperbezogen und zerteilt nach Kompetenzstufen gepflegt. Die Pflegenden kämen – abgelenkt von der ständigen Registrierungspflicht – kaum mehr dazu, einfach zu beobachten, wie es jemandem gehe. Für Gespräche oder einen gemeinsamen Kaffee opferten sie häufig ihre Freizeit. So voll des Lobes Susy Greuter für den Ansatz von Jos de Block ist – angesichts der zahlreichen privaten Krankenkassen sowie der heutigen Pflegefinanzierung ist sie skeptisch, dass er sich in der Schweiz realisieren lässt.
Gemeinden könnten einiges bewegen
Die Pflege sei «skandalös unterfinanziert», sagt Ökonomin Mascha Madörin. Um den Ansatz zu finanzieren, müssten die öffentlichen Beiträge ihrer Ansicht nach deutlich erhöht werden. «Wenn sich Gemeinden zusammentun, besser organisieren und etwas Geld in die Hand nehmen würden, könnte man einiges erreichen.» Für Madörin ist Buurtzorg eines der überzeugendsten Modelle. «Aufgrund der Krankenkassentarife muss unsere Spitex ein Abfertigungsprogramm abspulen.» Es sei strikt vorgeschrieben, was getan werden müsse. Pflegende könnten nur noch beschränkt situationsgerecht arbeiten. Ein wesentlicher Aspekt guter Pflege komme dabei abhanden. Das holländische Konzept ist ihrer Ansicht nach wirtschaftlicher als eine Pflege, die nach Leistungs- und festen Zeitbudgetprinzipien organisiert ist. «Sie ist wirtschaftlicher, nicht weil Leistungsmengen abgebaut werden, sondern weil die Logik der Pflege und ihre Arbeitsprozesse adäquat berücksichtigt werden.»
